Einem Wanderschäfer und 1000 Schafen in den sozialen Netzwerken folgen

Die Wanderschäferei ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst und es gibt in Deutschland noch immer Menschen, die diesem Beruf nachgehen. Mit Rund 1000 Schafen und meinen Hunden, ziehe ich auf uralten Routen quer durch Süddeutschland.

So, du möchtest also etwas mehr über uns Erfahren. Mal sehen… Mein Name ist Sven de Vries, ich bin 34 Jahre alt und habe eine abgeschlossene Berufsausbildung zum Tierwirt – Schäferei. Tag für Tag bin ich mit einer Rund 1000 Köpfe zählende Schafherde und meinen Hütehunden Bebi und Pitu unterwegs. Den Sommer verbringen wir am Fuße der schwäbischen Alb. Im Winter sind wir auf der Reise. Die meißte Zeit des Jahres, lebe ich einem kleinen Wohnwagen. Im April 2015 habe ich Twitter für mich entdeckt. Seitdem schreibe ich täglich dort. Ich veröffentliche Fotos und Videos, lasse in den kurzen Texten tief blicken, schreibe über meine Gefühle, die wiedrigkeiten, mit denen ein Wanderschäfer heute zu kämpfen hat. So bekommen meine Follower Stück für Stück, mit jedem Tweet, ein umfassenderes Bild von mir und meinem Leben in einem uralten und wunderschönen Beruf.

Es macht mir große Freude zu sehen, wie sich das Bild vieler Follower inzwischen schärft und ich bin gespannt, wo uns die Sache noch hinführt. Im folgenden habe ich ein paar Texte geschrieben, die für Twitter viel zu lang wären. Sie sind ein guter Einstieg, aber auch für ältere Follower interessant. Zwischendrin findet ihr eine Podcastepisode, in der ich unter Anderem, ausführlich von meinen Tagesablauf erzähle. Also, viel Spaß dabei und vergesst nicht, mir auf Twitter zu folgen.

Das Leben als Schäfer

„Schäferei ist kein Hexenwerk.“, hat eine ehemalige Chefin von mir immer gesagt, aber ich denke, sich selbst in dem Beruf zu finden, sich nicht zu verlieren und seiner Berufung auch zu folgen, ist dafür umso schwieriger.

Schafe fressen im Sonnenuntergang. Im Hintergrund ist klein, ein alter Wohnwagen zu sehen.

Tage wie Nächte, Freizeit, Urlaub, Freunde und Hobbys sind von der Fürsorge und Verantwortung für meine Schützlinge geprägt. Habe ich Zeiten erreicht, in denen ich ausgepowert und überarbeitet bin, muss ich am Tag darauf stets wieder die gleiche Energie in meine Herde stecken. Die Tierhaltung erfordert ständige Wachsamkeit, nur dann bleibt die Herde gesund und nur dann habe ich meine Aufgabe auch erfüllt. Beinahe 365 Tage im Jahr, etwa 10 Stunden am Tag.

An meinen Schäferstecken gelehnt, verschaffe ich mir Überblick über die Herde. Schaue, ob alle gesund sind und beisammen bleiben. Ich kenne viele der Gesichter meiner zur Zeit 1100 Köpfe starken Herde. Kann mich an Momente mit diesem oder jenem Lamm erinnern, kann ihr Verhalten deuten und vorhersehen, wie die Herde sich bewegen wird. In kaum einer Nutztierhaltung wird der Kontakt zum Tier wohl enger sein als in der Hüteschäferei. Dabei gewinne und verliere ich den Kampf ums Überleben einzelner Schafe, gebe lieb gewonnene Begleiter zur Schlachtung und kämpfe verbissen um eigentlich hoffnungslose Fälle. All dies hat Wirkung auf mein Gemüt, meine Kraft und Ausdauer, mein Verständnis von Leben und Tod ist fast ausschließlich von der Zeit mit meinen Schützlingen geprägt.

„Beschenkt werde ich dafür mit einem Fixpunkt, einer verantwortungsvollen Aufgabe, die ein Leben auszufüllen vermag.“

Manchmal sitze ich einfach glücklich inmitten der Herde und genieße unser Beisammensein. Das sind Augenblicke, in denen mir die Menschen fern und fremd sind. Ich fühle mich dann als Teil der Herde, als Teil der Natur und Landschaft, die mich umgibt. Ich bin Vater und Beschützer meiner mir anvertrauten Begleiter. Die Tradition, der ich dabei folge, ist Jahrtausende alt. Generationen von Schäfern sind auf eben den Routen gewandert, auf denen auch ich jetzt mit meiner Herde unterwegs bin. Fernab der Dörfer und Städte, auf unseren Sommerweiden, hat die Zeit seit damals nur wenig verändert und doch muss ich mit der Herde auch Bundesstraßen queren, stehe am Rande großer Industrieanlagen und muss mitten durch Dörfer und Wohngebiete ziehen. Dann platzt der Traum vom Schäferidyll und ich stecke mittendrin in den Widrigkeiten unserer heutigen Zeit.

„Schäfer in einer von der Natur entfremdeten Öffentlichkeit“

Nicht selten stoße ich auf Unverständnis, wenn ich mit der Herde Straßen oder Wohngebiete passieren muss. Böse Blicke ernte ich, wenn die Menschen auf unserer Reise mit Besen oder Gartenschlauch die „Hinterlassenschaften“ unseres Zuges beseitigen. Manches Blumenbeet ist nach unserem Durchzug zertrampelt, denn es ist mir unmöglich, alles so abzusichern, dass die Herde in den Straßen keine Schäden hinterlässt.

Morgens stehen schon mal Veterinäramt oder Polizei am Pferch, wenn sich besorgte Anwohner oder Spaziergänger bei Problemen mit unseren Tieren nicht anders zu helfen wussten. Von Tierschutzaktivisten werde ich als Tierquäler beschimpft, wenn eines meiner Schützlinge stirbt oder im Schnee zum Lammen kommt. Orichdeenliebhaber mosern, wenn unsere Schafe die schöne Blütenpracht der Schafweiden mit Stumpf und Stiel verputzen. Anstatt mich zu streiten, versuche ich zu erklären, stoße aber nicht immer auf Verständnis.

„Ich trage mit der Herde ein Stück Natur zurück zu den Menschen und das oft direkt vor ihre Haustür. Dabei stehen wir ständig mit den auch grausamen Realitäten der Tierhaltung in einer von der Natur entfremdeten Öffentlichkeit.“

ch treffe auf meinen Reisen aber auch Menschen, Kinder wie Erwachsene, die mit großen Augen die Herde bestaunen. Eltern werden von ihrem Nachwuchs gezwungen, das Auto rechts ranzufahren und Schäfer und Schafen einen Besuch abzustatten. Wenn ich mit der Herde größere Straßen oder Dörfer passiere, werden überall Handys gezückt und wir, ich wie die Schafe, von allen Seiten fotografiert. Die Menschen lachen dabei und winken uns zu, staunen und stellen Fragen. Während meiner Lehrzeit hat mich ein Mann mit Kind an der Hand auf der Straße angesprochen. Er erzählte mir, dass für ihn seit seiner Kindheit der Frühling kommt, wenn der Schäfer durch den Ort zieht. Nun möchte er das an seinen Sohn weitergeben. Ich treffe die zwei nun beinahe jedes Jahr, immer an der gleichen Stelle, immer kurz vor dem Frühlingsanfang. Schon von Weitem kann ich den alten Mann sehen, der sich am Stock gehend zur Herde vorkämpft. Er kommt und erzählt mir Jahr für Jahr aufs Neue die gleichen Geschichten aus seiner Kindheit. Tränen hat der Mann in den Augen und oft muss er lachen, wenn er dem Schäfer leicht wirr von seiner starrsinnigen Großmutter erzählt.

Kurz nach dem ersten Weltkrieg hatte diese einen kleinen Getreideacker direkt am Haus. Immer wenn der Schäfer dort sein Pferch aufschlug, war für die Großmutter im nächsten Jahr ein guter Ertrag zu erwarten gewesen. Zur Feier des Tages hatte sie dann stets einen großen Kuchen gebacken. Der sicher 90 Jahre alte Mann hatte sich als kleiner Junge im Winter auf die Lauer gelegt. Wenn er dann endlich das Blöcken durch das Tal hallen hörte, sei er so schnell er konnte zur Herde gelaufen, um den Schäfer zu bitten, bei seiner Großmutter einzusperren. Hatte er Erfolg, lief er Tags drauf wieder zum Schäfer und sie aßen gemeinsam vom frisch gebackenen Kuchen.

In solchen Momenten, seien es der Vater mit seinem Sohn oder der alte Mann, wird mir klar, wie traditionsreich und schön die Schäferei ist, und auch, wie eng verwurzelt sie mit den Menschen und der Landschaft in einigen Regionen noch immer ist.

Der eigene Betrieb und warum Twitter.

Nach meiner Lehre bei der Schäfereigenossenschaft Finkhof habe ich zwei Jahre als Schäfer in Wiesbaden gearbeitet. Im Sommer 2013 hat man mich vom Finkhof aus angerufen und gefragt, ob ich kurzfristig Lust hätte, die Schäferei zu übernehmen. Nach einigem Überlegen habe ich mich dann dafür entschieden und wir haben ein Modell gefunden, mit dem die Übergabe auch finanziell funktionieren könnte. Gemeinsam mit „dem Kollegen“, seiner Freundin und „dem Lehrling“ bilden wir jetzt „Die Arnacher Schäfer“.

An erster Stelle steht im Augenblick, uns in den Schäfereibetrieb einzufinden. Ohne jemanden, der sich einmischt, ist es nicht immer ganz einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Tausend Dinge müssen beachtet und ständig oft weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Es bleibt aber auch Raum, Neues anzufangen, und da ich schon lange mit dem Internet und auch bei Twitter rummache, habe ich mir überlegt, ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Mir geht es da momentan und wohl auch mittel- und langfristig nicht um die Vermarktung, sondern einfach darum, den Menschen davon zu erzählen, was es heißt, Schäfer zu sein.

Twitter ist dafür mein Mittel der Wahl. Die Fragen, die mir dort inzwischen gestellt werden, zeigen mir, dass viele bereits einen Einblick gewonnen haben, und es macht mir große Freude zu sehen, wie sich da etwas entwickelt. Das Bewusstsein einiger Follower für Tierhaltung und Landwirtschaft schärft sich langsam aber sicher. Ob nun hübsche Fotos, einzelne Arbeiten, die ich in vielen Tweets Stück für Stück erkläre, oder meine persönlichen Gefühle zu diesen oder jenen Themen: Twitter bietet mir die Möglichkeit, auch bei der Arbeit eben schnell etwas zu schreiben. Dabei sind alles nur Momentaufnahmen und doch entsteht ein Gesamtbild, dass einen tieferen Einblick ermöglichen soll.

Grimme Online Award nominiert 2016Ehrlich und einfach ich zu sein, ist mir dabei besonders wichtig. Auch wenn ich mich inzwischen viel mit Social Marketing beschäftigt habe und gelegentlich etwas ausprobiere, ist es wohl der offene und persönliche Umgang, der den Account ausmacht. 2016 waren wir dafür für einen Grimme Online Award nominiert und haben den Goldenen Blogger 2016 in der Kategorie Instagram bekommen.

Ich freue mich auf die nächsten Monate und bin gespannt, wo uns die ganze Sache noch hinführen wird.